"Lulu"

Eine Erzählung 


Sie wusste nicht, was sie anziehen sollte. Auf alle Fälle wollte sie heute besonders jugendlich wirken. Sie schlüpfte in die schwarze Jeans, die schon ein bisschen ausgewaschen war. Das fliederfarbige Shirt und den dunkelblauen Blazer darüber. Den Amethyst ins rechte Ohr, die halblangen blonden Haare wüst toupiert. Sie lächelte ihrem Spiegelbild zu. Die Augen hatte sie stärker als sonst geschminkt. Schwarzer Mascara und violetter Lidschatten. Sie legte noch mal Wangenrouge auf. Mit den Wildlederboots war sie sieben Zentimeter größer. Sie würde beim Gas geben und Kuppeln auf die Absätze achten müssen. 
Ihrem Mann drückte sie lieblos einen Schmatz auf die Wange. „Kann sein, dass wir noch irgendwo hingehen“, sagte sie. 
„Amüsiert euch nur. Hauptsache, ihr findet danach irgendwo einen Platz. Heute ist Sonnabend.“ Es klang, als wäre er froh, mal seine Ruhe zu haben. 
Bis in die Stadt hatte sie zwanzig Minuten zu fahren. Es würde keinen Stau geben, am Samstagabend. Den Wald hatte sie für sich allein. In den Dörfern waren die Bürgersteige hochgeklappt. Um die Zeit hockten die meisten mit ihrem Bier schon vor dem Fernseher. Aus den Fenstern drang bläuliches Licht. Am Himmel dekorierte das Abendrot seine Farben. Von rosa über rot und lila bis zum Blau. Was für ein Schauspiel!
Als sie am Hintereingang des Theaters vorbeifuhr, stand er schon da. Er sah gut aus. Sie hupte und er hob kurz den Arm. Sie bekam einen trockenen Mund. 
Mensch, warum bist du denn aufgeregt?, fragte sie sich. Sie bog um die Kurve und versuchte, zwischen den Häuserzeilen einen Parkplatz zu finden. Ziemlich am Ende der schmalen Straße bugsierte sie ihren Suzuki in eine Lücke. 
Sie beeilte sich. Wer weiß, wie lange er schon wartete. In Sichtnähe ging sie langsamer. Wesentlich größer als sie, den Kopf leicht nach vorn gebeugt, stand er lässig am Hintereingang und lächelte. Er begrüßte sie betont ungezwungen, verstummte aber gleich danach. Sie schwatzte drauflos. Die menschenleeren Straßen, das Abendrot. Sie tauschten Belanglosigkeiten aus und betraten das Foyer. Er hatte ihr die Tür geöffnet. Ungewöhnlich heutzutage, dachte sie.
Ein Stehtisch war noch frei. Er brachte ihr ein Wasser, trank selbst jedoch nichts. Dass sie bemerkte, wie er sie musterte, verbarg sie. Als sich ihre Augen trafen, fühlten sich beide ertappt. Sie blickten sich um. Langsam füllte sich das Foyer. Überwiegend ältere Herrschaften bevölkerten die niedrigen Bänke. Sie unterhielten sich leise. Eine Gruppe Jugendlicher studierte die Aushänge zum Spielplan. Einer von ihnen deutete auf ein schrilles Plakat und sagte etwas, was nicht bis zum Tisch der beiden drang. Die Jungen lachten laut und handelten sich strafende Blickte ein. Eine ältere Dame mit einer lila Strähne im grauen Haar schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. Es kümmerte keinen, weder das Kopfschütteln, noch die auffällige Strähne. 
Nach dem dritten Klingeln setzte sich der Besucherstrom langsam in Bewegung. Über den Türen zum Saal waren auf Täfelchen die Nummern der Platzreihen zu lesen. Sie hatte sich mehrmals vergewissert, ob wirklich „Parkett links“ auf den Karten stand, „zweite Reihe, Platz 8 und 9“. 
Links war wichtig. Die Platzanweiserinnen achteten streng darauf, dass man ihren Anweisungen folgte. Bei Zuwiderhandlungen wurde man sehr bestimmt abgewiesen und zurück auf die andere Seite des Foyers geschickt. Die musste man noch vorm Schließen der Türen erreicht haben, sonst hatte man das Nachsehen. 
Einmal war sie in letzter Minute ins Theater gestürzt. Obwohl an der falschen Tür gelandet, hatte sie sich nicht abwimmeln lassen und war schnell durchgehuscht. 
Diesmal war sie zwar rechtzeitig im Theater, auch auf der richtigen Seite, wollte aber die älteren Herrschaften vorlassen. Sie stolperte und er fing sie im letzten Moment auf. Beide lachten. Die Platzanweiserin guckte missbilligend. 
Sie selbst strich ihren Blazer glatt, wobei er ihr half, und schlüpfte mit ihrem Begleiter als Letzte in den Saal. Er legte seine Hand auf ihren Rücken und schob sie leicht vorwärts. „Gleich geschafft.“ Sie lächelte dankbar. 
Es war noch hell im Zuschauerraum. Jeder sah, dass sich die beiden an den bereits Sitzenden vorbeiquetschen mussten, Entschuldigungen murmelnd. Die engen hölzernen Klappsitze knarrten. Mit klopfendem Herzen und hochrotem Kopf setzte sie sich auf Platz 8. Er auf Platz 9. Als sie sich einsortiert hatten – letztes Flüstern, Rascheln und Husten abgeklungen waren –wurde es dunkel. Man hörte ein Handy aus einem Lautsprecher rechts oben an der Bühne klingeln. Eine Stimme folgte: „Guten Abend, liebe Gäste! Schalten Sie bitte Ihre Handys und Fotoapparate aus. Bild- oder Videomitschnitte sind nicht erlaubt. Wir wünschen Ihnen angenehme Unterhaltung.“
Platz 9 flüsterte: „Das müssen sie immer sagen. Nichts Neues.“ Als ob sie das nicht wüsste! Sie war mit Sicherheit öfter im Theater als er! Sein Lächeln verdrängte die Spur von Unmut. Sie nickte.     
Der Vorhang öffnete sich. Die auf der Bühne wie Statuen Sitzenden bewegten sich plötzlich. Sechs Meter vor ihnen geilte eine Vollbusige den vor ihr knienden Herrn auf. Sie zog ihn an ihre entblößte Brust und lachte aufreizend, als er keuchend unverständliche Worte ausstieß. Auf Sitz 8 in der zweiten Reihe entstand Irritation. Zusätzlich Gemurmel im Zuschauerraum. 
Aus den Tiefen der Kulissen trat ein Tierbändiger in die Szene, eine halbnackte Frau peitschend, die sich an seinem Geschlecht rieb: „Hereinspaziert in die Menagerie, / Ihr stolzen Herrn, ihr lebenslustʼgen Frauen, / Mit heißer Wollust und mit kaltem Grauen / Die unbeseelte Kreatur zu schauen, / Gebändigt durch das menschliche Genie.“ 
„Was soll das? Sauerei!“, rief jemand aus dem Publikum. 
Auf Sitz 9 übertrug sich die Unruhe von Sitz 8. Sie flüsterte: „Ach Gott, ich bin nicht vorbereitet. Ich weiß gar nicht, worum es geht.“ Sie zog verlegen ihre Augenbrauen hoch. Was würde er von ihr denken? Gerade heute?
„Wir müssen das nicht unbedingt sehen. Wenn es nicht auszuhalten ist, gehen wir lieber.“ 
Sie nickte zustimmend. Er stand auf und zog sie amüsiert hoch. 
„Hinsetzen oder ab durch die Mitte“, zischte einer auf Reihe vier. Die beiden verließen gebückt Reihe zwei. Kichernd huschten sie durch die Tür. 
Im Foyer prusteten sie los. „Am besten, wir trinken noch was“, sagte er. Ohne ihre Zustimmung abzuwarten, ging er voraus. Im Theatercafé war noch kein Betrieb. Sie ließen sich in die tiefen Samtsessel fallen, deren dunkles Weinrot auf der Sitzfläche und den Armlehnen bereits rosa schimmerte. Darüber verloren sie kein Wort, denn sie waren froh, überhaupt Platz gefunden zu haben. Das Café wurde stark frequentiert, besonders nach den Vorstellungen. 
„Es ist mir peinlich, dass ich Lulu vorgeschlagen habe. Andere Stücke standen auch noch auf dem Spielplan“, sagte sie, wobei sie rot wurde. Sie zupfte verschämt an ihrem Shirt und achtete nervös auf den Lichtfall der Hängelampe. Im jugendlichen Gesicht ihres Gegenübers zeichnete der Lichtstrahl die wenigen Vertiefungen hart nach. Sie lehnte sich zurück. Diesem unbarmherzigen Licht wollte sie sich nicht aussetzen. 
 „Wenn die anderen vier aus der Zwölften nächstes Mal wieder Zeit haben, entscheiden wir gemeinsam, was wir uns anschauen“, sagte er entschlossen, „außerdem war es gar nicht so schlimm, Frau Ranowski.“ Die Anrede holte sie in die Realität zurück.
Da trat die Serviererin an den Tisch, lächelte ihn an und fragte: „Sie sind wohl heute mal mit Ihrer Mutti da, Marcel?“